Hausbesuch in Blankenese: Zu Gast in einer legendären Künstlervilla der Jahrhundertwende
Wie ihr vielleicht wisst, habe ich ein Faible für Villen mit Geschichte. Für Häuser, in denen interessante Menschen lebten, die das Innere und Äußere ihres Zuhauses auf ganz besondere Weise prägten. Umso schöner ist es, wenn solche Schätze die Zeiten überdauert haben und man sie heute noch besichtigen kann. Eine solche Zeitkapsel versteckt sich in Blankenese. Kommt mit auf eine kleine Hausbesichtigung mit Charme – und schaut bei Gelegenheit unbedingt einmal selbst vorbei!
Habt Ihr schon mal von den Dehmels gehört? Heute weiß kaum noch jemand, dass Richard Dehmel vor dem 1. Weltkrieg einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und zugleich skandalumwitterter Autor erotischer Gedichte war. Seine Frau Ida kämpfte für Frauenrechte und förderte Kunst.

1912 zogen die Dehmels – sie hatten sich in Berlin kennengelernt und sich jeweils von ihren ersten Ehepartnern scheiden lassen – mit Idas Sohn aus erster Ehe in eine unkonventionelle gelbe Villa nach Blankenese, damals noch vor den Toren Hamburgs gelegen.
Die Dehmels hatten viele Fans. Und weil man unbedingt wollte, dass das schillernde Paar in Blankenese blieb, legte man Geld zusammen und schenkte ihm einfach zu Richards 50. Geburtstag dieses wunderschöne Haus, in dem es bereits zur Miete wohnte und das ein befreundeter Architekt, Walther Baedeker, auf eigene Kosten (!) im Reformstil für das Künstlerpaar entworfen hatte. Die Einrichtung hatten Richard und Ida minutiös selbst geplant und hierfür ein ausgefeiltes, für seine Zeit ungewöhnliches Farbkonzept entwickelt.
Das Haus wirkt wie ein Gesamtkunstwerk – wie Idas und Richards gemeinsames Meisterstück. Mich haben vor allem die wunderschönen historischen Tapeten von Emil Orlik begeistert.

Die gelbe Villa wurde zum Treffpunkt der Avantgarde und einer progressiven bürgerlichen Gesellschaft. Thomas Mann, Max Liebermann, Walther Rathenau, Gerhart Hauptmann, Richard Strauss: Sie alle besuchten die Dehmels damals in ihrer Villa in Blankenese. Kein Wunder, dass es auch ein umfangreiches Archiv von Briefen gibt, für das Ida eigens zwei Schränke entwarf, um ihre Korrespondenz mit der Prominenz zu sortieren.
Idas Schreibtisch ziert eine von ihr selbst designte und mit winzigen Perlen dekorierte Lampe. Möchte man hier nicht sitzen und Briefe schreiben, Gedichte – oder einen Roman?
Das Esszimmer mit den von Richard selbst entworfenen Jugendstil-Möbeln wirkt, als würden die Dehmels noch immer dort wohnen, wären nur kurz fort und würden ihre Gäste gleich zum Dinner bitten…

Details und dekorative Elemente machen das Haus zu einer großartigen Zeitmaschine für die Wohnkultur der deutschen Reformbewegung:
Im Januar 1917 fällt Idas Sohn Heinz-Lux im 1. Weltkrieg. Sie begräbt ihn im Garten des Dehmelhauses, wo heute noch ein Gedenkstein steht. 1920 stirbt auch Richard Dehmel an einer Thrombose, die er sich in Folge einer Kriegsverletzung zugezogen hatte. Nach Richards Tod bewahrt Ida das gemeinsame Haus als ihr Ein und Alles und gründet eine Stiftung sowie die Dehmelgesellschaft.

Doch als Jüdin werden Ida Dehmel ab 1933 nach und nach alle Chancen und Freiheiten genommen. In einem Brief an eine Bekannte hatte sie bereits 1938 geschrieben: “Marion, ich würde nie auswandern … im Moment, in dem ich das Dehmelhaus verlassen muß, mache ich Schluss.” Am 29. September 1942 nimmt Ida sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Das Haus versinkt in einen Dornröschenschlaf …

… und verfällt zusehends. Als der letzte Eigentümer, der kaum etwas im und am Haus verändert, stirbt und die Nachlassverwaltung außer Stande ist, die notwendige Sanierung sowie Restaurierung zu stemmen, wird das Haus 2013 in eine eigens von der Herrmann-Reemtsma-Stiftung gegründeten Stiftung überführt. Bis 2016 dauerten die Sanierungsarbeiten an. Das Ergebnis: Nun kann jeder dieses wunderschöne Juwel besichtigen!












