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Lieblingsspots und Tipps für versteckte Ecken: Oh, wie schön ist Ottensen!

Elbdorf, Jugendstilquartier, schöne Läden, Cafés, Streetart und lebendes Museum: Oh, wie schön ist Ottensen! Und vor allem: oh, wie spannend.  Begleitend zur Abo-Postkarte 48 zeige ich Euch meine Lieblingsspots und  ein paar verstecke Ecken im “Little Denmark” Hamburgs!

1. Die Kino-Fabrik und der Zeise-Clan!

Kaum vorstellbar, dass Ottensen im 19. Jahrhundert mal ein Industriemoloch war, in dem Fabrikschlote qualmten, Dampfmaschinen lärmten und eine neue Klasse von Arbeiterfamilien die Bauern als Bewohner ablösten. Schaut man sich genauer um, bemerkt man sie noch, all die kleinen und großen Fabrikgebäude sowie Werkshallen aus Backstein. Inzwischen haben viele von ihnen eine zweite Karriere in der Kulturbranche hingelegt. Ein prominentes Beispiel ist etwa die FARBIK in der Barnerstraße, in der einst Holzmaschinen hergestellt wurden und heute Konzerte sowie Flohmärkte stattfinden. Eine besonders spannende Geschichte verbirgt sich hinter den Zeisehallen (Bild 1 der Galerie).

Schiffsschrauben und Gulaschkanonen

In den Zeisehallen  gab’s schon immer viel zu sehen: Nicht nur die vielen guten Filme des Zeisekinos, das sich seit den 1990ern im Gebäude befindet. Ursprünglich richtete Theodor Zeise hier 1868 eine Schiffsschraubenfabrik (Bild 2 der Galerie) ein. Sie sollte Weltruhm erlangen. Die Zeises (Bild 3) waren dabei so etwas wie die Buddenbrooks von Ottensen. Aus ihren Reihen stammen wortgewaltige Pastoren, Dichter und Hersteller von “medicinischen Droguen”. Zudem gelten sie nach neueren Forschungen auch als die Erfinder der Feldküche bzw. Gulaschkanone, die erstmals in der Armenspeisung und ab 1850 in Rendsburg zur Verpflegung von Soldaten im Krieg gegen Dänemark eingesetzt wurde. Übrigens: Im Restaurant Eisenstein am hinteren Eingang steht heute noch ein mächtiger Ofen aus rußigen Ziegeln, in dem früher zwar kein Gulasch gekocht, dafür aber Eisen geschmolzen wurde!

BUCHTIPP … für alle, die sich für den Zeise-Clan interessieren: Anne Mahn, “Propeller des Fortschritts: Die Zeises in Hamburg-Altona” (2008). Leider nur noch antiquarisch erhältlich (Titel siehe letztes Bild, Galerie).

– Ohmstraße (Ottensen) / Google Maps

2. Gustav Oelsner und die gelbe Klinker-Magie

Als ich die 20er Jahre Siedlungshäuser des Wohnquartiers Helmholtzstr./Bunsenstr. entdeckte, verliebte ich mich auf der Stelle in die urigen gelben Klinker, aus der dieser Wohnkomplex besteht … Die Gebäude staffeln sich in mehreren Reihen und wurden von Gustav Oelsner, Architekt, Stadtplaner und damaliger Bausenator Altonas, für Arbeiterfamilien entworfen. Mit solchen Reform-Bauten verbesserte Oelsner endlich die Lebensqualität vieler Ottenser (weiter unten erfahrt ihr, unter welch ungesunden Bedingungen sie bis dato leben mussten).

Backstein-Buddies bis in den Tod

Leider erging es Gustav Oelsner im Dritten Reich wie vielen jüdisch-stämmigen Bürgern: 1933 wurde er von den Nazis mit Berufsverbot belegt. Er emigrierte daraufhin in die türkische Republik. Nach dem Krieg kehrte er nach Hamburg zurück, wo er Referent für den Wiederaufbau wurde. Oelsner war übrigens eng mit Hamburgs Oberbaudirektor und Backsteinpapst Fritz Schumacher befreundet: Die beiden sind sogar nebeneinander auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt… Der Galerie oben habe ich einige alte Fotografien aus dem Jahr 1928 hinzugefügt, die die Brüder Dransfeld damals nach Fertigstellung der Siedlungshäuser angefertigt haben.

– Ohmstraße, Helmholtzstraße, Bundesstraße / Google Maps

 

3. Von Motten, Hühnern und Bienen

Die „Motte“ deutet heute noch an, dass Ottensen im 19. Jahrhundert „Mottenburg“ hieß…  Denn wer damals im Arbeiterquartier Ottensen lebte, kriegte schnell die „Motten“, sprich: Tuberkulose, eine Krankheit, die in die Lunge Löcher fraß ähnlich wie es Motten tun, wenn sie Kleidungsstücke befallen. Insbesondere Ottensens Zigarrendreher und Glasbläser waren aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen, feuchter Wohnungen und permanenter Mangelernährung anfällig für „die Motten“.

Wenn es gackert und kräht …

In einer weiteren Anlehnung an die Vergangenheit des einstigen Arbeiterviertels wurde 1976 die „Motte“, ein Zentrum für stadtteilbezogene Kultur- und Sozialarbeit, in einer alten Schokoladenfabrik eröffnet. Und falls ihr im Vorbeigehen mal ein Gackern oder durchdringendes Krähen hört, wundert euch nicht: Die Motte betreibt gleich neben dem Spielplatz und Kindertreff (Ecke Rothestrasse / Eulenstrasse) einen Hühnerhof. Inzwischen wird hier auch geimkert. Denn der Honigverkauf unterstützt die ehrenamtliche Arbeit des Mottehühnerhofs.

– Eulenstraße 43, Website Motte/ Google Maps

4. König Christian, Kloppstock und die romantischen Gräber

Ganz in der Nähe von Altonaer Rathaus und Altonaer Balkon liegt die hübsche Christianskirche, die zwischen 1735 und 1735 zu Ehren von König Christian VI. erbaut worden war. Damals war Ottensen (wie auch Altona) noch Lehen der dänischen Krone und befand sich somit auf dänischem Staatsgebiet. An diese dänischen Wurzeln erinnert heute noch der riesige Dannebrog, der gegenüber der Chrisianskirche an der Elbchaussee  flattert, an einem Gebäude, das einst ein dänisches Zollhaus war.

Als Ottensen noch Dänemark war

Auf dem romantischen Friedhof der Barock-Kirche liegt seit 1803 das Dichtergenie Friedrich Gottlieb Klopstock begraben – neben seiner ersten Frau Meta, die am Kindbettfieber starb, und seiner zweiten Frau Johanna Elisabeth. Übrigens hielt sich nur ein paar Hausnummern weiter ein nicht minder berühmter Dichter (und Kloppstock-Verehrer) auf: der junge Heinrich Heine. Zwischen 1813 und 1851 lebte er immer mal wieder an der Elbchaussee im Gartenhaus seines reichen Onkels Salomon Heine, einem Bankier und Wohltäter, der seinem Neffen nicht nur einmal finanziell unter die Arme griff.

Sei mir gegrüßt, du Geisterwelt!

Neben Kloppstocks letzter Ruhestätte findet man andere uralte Gräber auf dem Friedhof. Besonders die folgende schnörkelige Inschrift  hat es mir angetan​​:​​ “Schlummere sanft, du gute fromme Seele. Bis auf ewig dieser Schlummer flieht! Zum Wiedersehen sei mir gegrüßt, du Geisterwelt!” Die Verse gehören zum Grab der Wilhelmine Sophie Forcke (geb. Docius), die im November 1822 im Alter von 41 Jahren beisetzt wurde. Die Worte auf ihrem Grabstein klingen poetisch, fast ein wenig unheimlich – was jedoch gut in die damalige Zeit mit ihrem Hang zur Schauerliteratur zu passen scheint.

– Kloppstockplatz, Website / Google Maps

5. Der schönste Balkon der Stadt

Auf diesem Balkon vor dem Altonaer Rathaus und in unmittelbarer Nähe zur oben erwähnten Christianskirche fühlt man sich wie in der Loge eines grandiosen Theaters. Bevor ich mich auf eine der Parkbänke fallen lasse, gibt es von mir erst mal ein bisschen “Standing Ovations”. Für diesen fantastischen Blick bis hinüber zur Köhlbrandbrücke, den “Fauleiern” und Kränen von Steinwerder. Bravo, Hamburg, Zugabe! Zugabe! Von diesem Schauspiel kriegt man nie genug…

– Palmaille, 22767 Hamburg / Google Maps

6. Fassadenkunst der Extraklasse

Wenn man durch die Straßen Ottensens flaniert und diese wunderschönen Jugendstil-Fassaden sieht, kann man gar nicht mehr glauben, dass sich Mitte des 19. Jahrhunderts an gleicher Stelle armselige Hütten und Arbeiterslums befanden, in denen Cholera, Rachitis und Tuberkulose wüteten. Staunend bleibt man vor diesen herrschaftliche Altbauten stehen, stellt sich die Parkettfußböden und Flügeltüren im Inneren vor und denkt: Was für eine Fassadenkunst! Pflanzenornamente, runde Erker, Schleifen… Diese Häuserfronten blühen und sprießen und sie haben auf mich immer wieder einen therapeutischen Effekt. Ich freue mich über jeden einzelnen Schnörkel, der nicht durch Krieg und Entstuckung verschwunden ist… Schaut Euch vor allem rund um die Fischers Allee und die Große Brunnenstraße um! Man findet dort herrlichste Fotomotive.

7. High Tea und Good Manners

Mr. Hudson aus dem Haus am Eaton Place wäre sehr zufrieden mit diesem Shop und dem dazugehörigen Lokal nach feiner englischer Art, eingerichtet im georgianischem Stil – zumindest schreiben das die Betreiber auf ihrer Website. Ich glaube: Sie haben Recht! 2018 eröffnete diese kleine britische Insel, ein Laden, spezialisiert auf englische Produkte, Tee, Fudge, Lemmon Curd – was das Herz des England-Fans eben so begehrt. Und um die Ecker, in der Bahrenfelder Straße, noch eine Zweigstelle: Ein echter englischer Tearoom, nichts für Hektiker, sondern ein Ort, an dem man bei Cream Tea, Cheddar, Bacon, Afternoon Tea oder königlichem High Tea abschalten und runterkommen kann. Hin und wieder gibt es sogar  “Good Manners”-Kurse, Lesungen und musikalische Begleitung. Love it!

– Eaton Place Store: Ottensener Hauptstraße 46, Website / Google Maps

8. Streetart vom Feinsten

Einige der besten Kunstausstellungen Hamburgs findet man auf der Straße, sage ich ja immer. Auch in Ottensen kann man tolle Streetart entdecken. In dieser Galerie zeige ich euch einige Lieblinge:

  1. Schickes Mural auf einem typischen “Mittelsteifen-Altbau”, der sogenannten “Ottenser Nase”, zwischen Klausstraße und Lobuschstraße.
  2. City Jungle, entdeckt am Ende der Ottenseer Hauptstraße, gegenüber des Kemal-Altun-Platzes.
  3. Die teils gepixelt erscheinende Welt aus Drachen und anderen Phantasiewesen ist eine Kollaboration der Künstler Dennis DTXR und Smithe. Man findet sie auf einer Wand an der Rückseite des Thalia-Theaters in der Gaußstraße.
  4. Besonders bunte Hausfassade in der Straße “Am Felde” gegenüber vom Mercado.
  5. Die durch den japanischen Künstler Hokusai (1760-1849) inspirierte Welle schwappt in der Barnerstraße 1 an einem Schönheitssalon entlang und ist auch das Motiv der aktuellen Elbville-Postkarte!

Die aktuelle Postkarte #48 könnt ihr Euch unten herunterladen! Liebste Grüße und ein riesiges Dankeschön für Euren Support!

Eure Frau Elbville

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