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Hamburgs Buchhandlungen: Liebeserklärung an 5 besondere Inseln der Lesekultur

Hand auf’s Herz: Wann habt Ihr das letzte Mal ein gutes Buch gelesen – geschweige denn in einem richtigen Buchladen eingekauft? Ich persönlich möchte ja gern wieder etwas analoger werden. Zu viel Streaming, zu viel Scrolling, zu viel Online-Shopping. Und so habe ich angefangen, mich mal wieder öfter mit einem guten Buch in eine Ecke zu verziehen, um durch „echte“ Seiten zu blättern und darin zu versinken (hatte schon fast vergessen, wie schön das ist). Außerdem sollte man den stationären Buchhandel unterstützen, dem nicht zuletzt durch Tech-Kraken wie Amazon immer häufiger die Puste ausgeht … Grund genug also, hier 5 besondere Buchhandlungen der Stadt vorzustellen, die jede für sich ein entzückendes Unikat und einen Besuch vor Ort Wert ist!

1. Das architektonische Schatzkästchen: Bücherstube Stolterfoht

Seit 1949 steht er an an der Rothenbaumchaussee, direkt am südlichen Ausgang der U-Bahnstation Hallerstraße: ein kleiner Pavillon, in dem seit über 76 Jahren durchgängig Bücher verkauft werden. Erbaut hat ihn Werner Kallmorgen, Star-Architekt der Nachkriegsmoderne und u.a. verantwortlich für das alte Spiegel-Hochhaus, das Ernst-Barlach-Haus oder den Kai-Speicher A  (auf dem die Elphi thront – Ihr wißt schon!). Das Kleinod mit seinen großen Fenstern, dem Zaun und rot-weißer Markise hatte Kallmorgen für seine Freundin, die Buchhändlerin Greta Stolterfoht, entworfen. Schnell wurde der Ort zum Treffpunkt für Schriftsteller:innen. Namen wie Peter Härtling und Hubert Fichte sind eng mit der Geschichte der Bücherstube verbunden und machen sie heute zu einem Literaturdenkmal. Mit gerade einmal 44 Quadratmetern Grundfläche ist sie vermutlich auch Hamburgs kleinste Buchhandlung.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀

Seit Kurzem erstrahlt der Laden, in dem der heutige Besitzer Frank Bartling feine Nischenliteratur kuratiert, in neuem Glanz. Über sieben Monate lang ist er aufwendig denkmalgerecht restauriert worden. Besonders interessant finde ich dabei das Modell, mit dem der Fortbestand der Bücherstube künftig gesichert wird: Die Hermann Reemtsma Stiftung finanzierte die Sanierung in Höhe von 500.000 Euro unter der Bedingung, dass das Gebäude anschließend in die Obhut der Stiftung Denkmalpflege Hamburg übergeht. Im Gegenzug erhielt Bartling einen langfristigen Mietvertrag zu fairen Konditionen, damit das kleine Gebäude das bleibt, was es immer war: eine der schönsten Buchhandlungen der Stadt.

PS: Vielleicht habt Ihr es bemerkt – ausnahmsweise bediene ich mich dieses Mal nicht meiner eigenen Bilder, sondern nutze die Fotos von Andreas Weiss aus der Pressemitteilung zur Wiedereröffnung – ich habe es, zugegeben, noch nicht geschafft, so kurzfristig annähernd schöne Fotos wie diese vom sanierten Gebäude zu machen … Wird auf Instagram bald nachgeholt, versprochen!

– Rothenbaumchaussee 100 (Rotherbaum) /  Website /  Google Maps

2. Das intellektuelle Delikatessengeschäft: Felix Jud

Karl Lagerfeld soll über sie gesagt haben: „Die Buch- und Kunsthandlung Felix Jud ist mein intellektuelles Delikatessengeschäft, und ohne sie würde ich verhungern.“ Als der Laden 1923 mitten in der Inflationszeit an seinem ersten Standort in den Colonnaden eröffnete, werden sich wahrscheinlich nur wenige Hamburger:innen Lesefutter geleistet haben können. Der Buchhändler Felix Jud tischte dennoch auf. Später lehnte er als erklärter Gegner des NS-Regimes eine Änderung seines jüdisch klingenden Namens ab und provozierte unter anderem immer wieder mit kreativen Schaufensterauslagen (bitte hierfür gern den Wikipedia-Eintrag lesen!). Unter der Hand verkaufte Jud “verbotene Bücher” und musste ins KZ Neuengamme – auch wegen seiner Verbindungen zur Weißen Rose. Nach der Befreiung zog er 1948 mit seinem Geschäft an den Neuen Wall 38 und schließlich an den Neuen Wall 13, in die wunderschöne Mellin-Passage, wo sich der Laden immer noch befindet:

Karl Lagerfeld wurde zu einem der wohl berühmtesten Stammkunden des Ladens, der sich inzwischen zur Buch- und Kunsthandlung plus Antiquariat entwickelt hat. Man findet hier sogar originale Dokumente wie Briefe von Thomas Mann. Robert Eberhardt, seit 2022 Geschäftsinhaber, ist umtriebig, veranstaltet Salons und Lesungen, hat 2025 das 1. Alster Literaturfestival organisiert und nun sogar eine nicht minder hübsche Dependance auf Sylt eröffnet.

Dass sich diese Bücherstube zudem an einem der fotogensten Orte der Innenstadt befindet, muss ich wohl nicht mehr extra erwähnen – oder?

– Neuer Wall 13  (Mellin Passage) /  Website /  Google Maps

3. Das verwinkelte Wohnzimmer: Kapitel Drei

Habt Ihr nicht auch schon mal davon geträumt, einen Buchladen mit Café zu eröffnen? Helena Gerwin und Nora Batinić sind beste Freundinnen und haben diesen Traum Realität werden lassen: “Kapitel Drei” haben sie dem dritten Kapitel ihres Lebens benannt (Kapitel 1 hieß “Schulzeit”, Kapitel 2 “Studium”) und befindet sich in einem Eckladen in Altona-Altstadt. “Komm her und lies mal rein!”, schreiben sie auf ihrer Website. “Und wenn dich das Buch so verzaubert, dass du es nicht mehr weglegen willst, kannst du es kaufen und zu Hause weiterlesen.” Von Klassikern und Young Adult über Fantasy bis hin zu Belletristik, Lyrik oder Feminismus, LGBTQIA+ und Philosophie ist in den hohen Regalen alles vorhanden – neu und gebraucht, zum Kaufen, Tauschen oder einfach nur zum Stöbern. An drei Abenden im Monat treffen sich Buchclubs im Laden. Man liest ein Buch pro Monat, um es zu besprechen. Was gerade gelesen wurde, erfährt man an der Wand:

Jeden Tag wird frisch gebacken; manchmal gibt es Kuchen, manchmal Cookies, Zimtschnecken oder auch mal alles zusammen. Der Ort wirkt wie ein fast schon klandestiner Treffpunkt für eingeschworene Buchfans (viele junge Leute unter ihnen!), die lesend oder in Gespräche vertieft auf Sofas und alten Sesseln in mehreren, aneinandergereihten Wohnzimmern hinter dem eigentlichen Laden sitzen. “Am ehesten ist es eine Mischung aus dem Gefühl von Little Women und der feel good Wärme von Gilmore Girls und dem Entdecken anderer fantastischer Welten im Alice im Wunderland“, beschreiben Nora und Helena ihr Refugium.

Und noch etwas muss ich hier erwähnen: die Kapitel Drei Buchpost – ein Bücherabo über 6 oder 12 Monate. Jeden Monat bekommt man ein von den Betreiberinnen ein von ihnen ausgesuchtes Lieblingsbuch nach Hause geschickt – wer möchte, kann Kriterien und Genres bestimmen. Hier gibt’s weitere Infos.

– Hospitalstraße 69 /  Website /  Google Maps

4. Die Kuriositätenkammer: Kunstantiquariat Joachim Lührs

Seit 1992 stehen hinter dieser Eingangstür prallvoll bestückte Bücherregale zwischen schwarz-goldenen Säulen und unter prächtigen Kassettendecken. Spezialgebiete des Ladens: Kunst, Architektur, Graphiken, Photographie, Zeitschriften, Kulturgeschichte, Hamburg, bibliophile Ausgaben, Gemälde und Bücher, Handzeichnungen des 16. – 20. Jahrhunderts, Plakate, Stadtansichten, Landkarten … Schon von außen erahnt man die Schätze, nach denen man im Innern graben kann. Allein vor dem Schaufenster verbringe ich oft viel Zeit, denn es wird immer wieder frisch kuratiert mit neuen, oft skurrilen Raritäten, ungewöhnlichen Graphiken, kuriosen Magazinen und Plakaten aus allen Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten. Nicht selten muss ich dann an “Die neun Pforten” denken und den Buch-Detektiv Dean Corso, den Johnny Depp in diesem Thriller verkörpert und der auf die Beschaffung seltener Bücher spezialisiert ist. So jemand würde hier sicher fündig.

Der Besitzer des Antiquariats, Joachim Lührs, ist Kunsthistoriker, und er hält wirklich ganz Besonderes bereit – für den großen, aber auch für den kleineren Geldbeutel. Faszinierend ist, dass Herr Lührs und seine Mitinhaberin trotz der Wirre, die scheinbar herrscht, genau wissen, wo was steht. Und was nicht da ist, können sie meist besorgen. Das bringt Kundschaft aus aller Welt …

… und eben auch mich, die hier schon öfters gar nicht mal so teure, interessante, vergriffene Bücher über Hamburg entdeckt hat. Ja, ich muss wirklich aufpassen, dass es bei mir im Arbeitszimmer nicht auch bald ein bisschen so aussieht wie in Herrn Lührs Laden auf der Fleetinsel …

– Michaelisbrücke 3 (Fleetinsel)  /  Website /  Google Maps

5. Der soziale Hafen unter der Erde: Buchhandlung Kehrwieder

Wer hätte das geahnt: Hamburgs längstes Bücherregal steht unter dem Rathausmarkt – in der Buchhandlung “Kehrwieder”. Hier kann man in einer beeindruckenden Auswahl von über 7.000 Büchern stöbern, zu meiner großen Freude gibt es auch viele Bücher mit Hamburg-Bezug. Neben neuen Büchern sind viele Titel gebraucht und kommen aus privaten Spenden. Das Tolle: Mit jedem gekauften Buch trägt man zum soziale Engagement bei, denn betrieben wird dieser Ort von einem Team aus Fach- und Führungskräften, denen bis zu 45 Menschen zur Seite stehen, die lange vom Erwerbsleben ausgeschlossen waren und hier einer neuen Beschäftigung nachgehen. Ergänzt wird das Buch-Angebot übrigens durch Secondhand-Schallplatten, die vor Ort sogar Probe gehört werden können! Noch so ein analoges Träger-Medium, das ich liebe!

In der “Cafédrale” mit ihrem gemütlich-modernen “Ankerplatz” gibt’s eine umfangreiche Speisekarte mit vielen norddeutschen Küchen-Klassikern wie Rundstück warm oder Matjes, Franzbrötchen-Apfelstrudel, hausgemachtes Labskaus und selbstgemachte Limonade – noch dazu mit einem herrlichen Blick auf die Alsterarkaden bzw. die Kleine Alster.

Praktisch: am hinteren Ausgang der unterirdischen Halle kann man in der Tourismusinformation Tickets für Hafenrundfahrten, Museen, Hop-on-Hop-off-Busse, Stadtführungen und vieles mehr buchen. Einen kleinen Souvenirshop gibt es ebenfalls.

– Rathausmarkt 3 (Innenstadt) /  Website /  Google Maps


Hier findet Ihr noch einmal einen Überblick, wo sich meine 5 Bücherinseln befinden:

Wie kann ich den stationären Buchhandel unterstützen?

1. Lokal kaufen – auch auf Bestellung

Wenn ein Buch nicht vorrätig ist: einfach im Laden bestellen lassen. Viele Buchhandlungen liefern über Nacht oder innerhalb von 1–2 Tagen – ganz ohne Versandchaos und unnötigem Verpackungsmüll.

2. Beratung nutzen (und wertschätzen)

Die persönliche Empfehlung ist Gold wert. Sagt ruhig, was Euch gefallen hat oder was Ihr sucht – das ist ein echter Mehrwert gegenüber Algorithmen.

3. Gutscheine & Geschenke dort besorgen

Geburtstage, Weihnachten, Mitbringsel: Buchhandlung statt Online-Gutschein. So bleibt das Geld wirklich vor Ort.

4. Veranstaltungen besuchen

Lesungen, Signierstunden, Buchclubs oder Kinderstunden bringen Leben in den Laden – und zeigen, dass Nachfrage da ist.

5. Online-Präsenz der Buchhandlung nutzen

Viele Läden haben Webshops, Social Media oder Newsletter. Dort bestellen, liken, teilen, weiterempfehlen – Sichtbarkeit hilft enorm.

6. Kleine Extras kaufen

Notizbücher, Kalender, Postkarten, Spiele – diese Artikel haben oft höhere Margen und unterstützen den Laden zusätzlich.

7. Weitersagen

Empfehlungen im Freundeskreis oder gute Online-Bewertungen sind überraschend wirksam.

8. Kinderbücher bewusst lokal kaufen

Gerade Kinder- und Schulbücher sind für viele Buchhandlungen ein wichtiges Standbein.

 

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