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16 architektonische Schönheiten aus Backstein (inkl. Download-Faltplan)

Wer braucht schon Marmor, wenn er Klinker haben kann? Kaum eine Stadt versteht es so effektvoll, mit Backstein Geschichten zu erzählen wie Hamburg. Zwischen hanseatischer Nüchternheit und expressionistischer Verspieltheit leuchten die Klinker hier in immer neuen Facetten. Vor allem Fritz Schumacher setzte der Stadt mit diesem Baumaterial in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen unverwechselbaren Stempel auf – als visionärer Architekt, Stadtplaner und Hamburgs Baudirektor. Dieser Beitrag inklusive Postkarte und Stadtplan zum Download führt Euch zu 16 besonderen Backstein-Schätzen der Schumacher-Ära!

Diese beiden Seiten könnt Ihr herunterladen, auf A3 oder A4 ausdrucken, falten und in die Hosentasche stecken. Die 1. Seite zeigt einen Stadtplan, die 2. eine Liste mit den dazugehörigen Beschreibungen, Adressen & QR-Codes zur Google-Maps-Location. Alle 16 Spots werden auch in diesem Beitrag präsentiert.

1 Oelsners Gelbklinker-Siedlung

Diese wunderschönen gelben Klinker leuchten in vielen Schattierungen: Die Häuserreihen, die aus ihnen gebaut wurden, staffeln sich rund um die Ohmstraße. Entworfen hat sie der Architekt Gustav Oelsner in den 1920er Jahren für Arbeiterfamilien. Dazwischen sorgte er  mit auffällig vielen Bäumen und Grün für Erholung. Gustav Oelsner erging es im Dritten Reich wie vielen jüdisch-stämmigen Bürgern: 1933 wurde er von den Nazis mit Berufsverbot belegt. Als er nach dem Krieg aus der Türkei nach Hamburg zurückkehrte, wurde er Referent für Wiederaufbau.

Ohmstraße (Ottensen)

2 Siedlungsbau St. Lukas

Am Hummelsbüttler Kirchweg in Fuhlsbüttel fällt ein interessant geformtes Wohnhaus aus Klinker ins Auge, das 1926/27 nach Plänen des Architekten Carl Winand erbaut worden ist und mit seinen runden Treppenhaustürmen und der abgewinkelten Form einer Stadtmauer nachempfunden wurde. Besonders ungewöhnlich: die Figuren aus Holz, die die grünen Haustüren zieren. Sie haben etwas Sakrales, was gar nicht so überrascht, denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht die St. Lukas Kirche – ein ebenfalls imposanter Backsteinbau.

Hummelsbütteler Kirchenweg 4 (Fuhlsbüttel)

3 Krematorium Ohlsdorf

Das streng geometrische Krematorium am Eingang des Ohlsdorfer Friedhof hat etwas Düsteres und gleichzeitig Feier-liches: 1930-32 von Hamburgs Backsteinpapst, Oberbaudirektor und Stadtplaner Fritz Schuhmacher errichtet, finden hier heute keine Feuerbetattungen mehr statt. Das Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, war eine der letzten expressionistischen Bauten Fritz Schumachers, bevor ihn die Nationalsozialisten in den Ruhestand versetzen. Im Dritten Reich wurden hier tausende Opfer aus Hamburger Konzentrationslagern eingeäschert.

Fuhlsbüttler Straße 758

4 Margarinefabrik Voss

Das Eingangsportal der Margarinefabrik Voss aus dem Jahr 1926 besticht durch Keramiken und Zierkacheln, die typisch sind für expressionistische Backsteinbauten. Sie stammen vom Bildhauer Richard Kuöhl, mit dem Hamburgs damaliger Oberbaudirektor und “Backsteinpapst” Fritz Schuhmacher eng zusammenarbeitete. Anders als Schuhmacher wurde Kuöhl später für die Nationalsozialisten tätig, obwohl diese expressionistische Bauformen als “entartet” bekämpften. Kurios: Unter der Turmuhr des Portals prangt ein Kuhkopf. Dabei wurde in der Margarinefabrik nie Milch verarbeitet…

Bramfelder Straße 138 (Barmbek)

5 Wohnburg für Angestellte

Dieser kunstvoll verzierte Backstein-Wohnblock mit abgerundeten Ecken und leuchtenden Türen wurde Mitte der 1920er Jahre von den Architekten und Brüdern Ernst und Eduard Theil errichtet. In dem Rechteck zwischen den Straßen Dohlenweg, Lämmersieth, Adler- und Wachtelstraße wohnten fortan Angestellte. Auch hier entwarf der zuvor bereits erwähnte Richard Kuöhl bunt glasierte expressionistische Baukeramiken, die man rund um das Gebäude findet: darunter reitende Kinder auf Elbdelphinen oder Wikingerboote.

Dohlenweg, Lämmersieth, Adler- und Wachtelstraße (Barmbek)

6 Emil-Krause-Schule

Der einstige Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher hat in der Weimarer Republik 34 Schulen für seine Stadt geschaffen. Vor allem in der Volksschule (auf die damals 90 Prozent der Bevölkerung ging) sah er ein Mittel, um nach dem 1. Weltkrieg die “kommende Generation zu pflegen”. Die Emil-Krause-Schule entstand zwischen 1919 und 1923, beherbergte erstmals Werkräume sowie eine Turnhalle und wurde wie eine Pforte als halbrundes Haus am Rande der ebenfalls sehenswerten Backsteinsiedlung Dulsberg konzipiert.

Krausestraße 53 (Dulsberg)

7 Untersuchungshaftanstalt

In die Haftanstalt zwischen Holstenglacis und Planten un Blomen kommt gemeinhin, wer in Untersuchungs- und Polizeihaft muss oder auf eine Gerichtsvorführung wartet. 1926/27 hatte Fritz Schumacher das Gebäude erweitert – im beeindruckenden Klinkerexpressionismus. Die Anbauten brachten damals zusätzlich Platz für ein Frauengefängnis, Arbeits- und Magazinräume, eine Großküche, Bade- und Wäschereianlagen, eine Desinfektionsanstalt und einen Kesselraum. Auch den Gefangenhof vergrößerte Schumacher um 1300 Quadratmeter.

Holstenglacis 3 (Neustadt)

8 Davidwache

Eines der schönsten Gebäude der Reeperbahn ist die Davidwache, das wohl berühmteste Polizeirevier Deutschlands. Sie wurde 1913-14 von Fritz Schumacher im Stil eines althamburgischen Backsteingebäudes errichtet, zeigt aber schon erste Anzeichen von Klinkerexpressionismus. Die Front ziert Terrakottaschmuck von Richard Kuöhl. Zur Davidstraße hin blicken Legionärsköpfe streng auf den “Strich”. Das Gebäude beherbergte anfangs neben der Polizei auch ein Meldeamt, die sittenpolizeiliche Untersuchungsstation und Dienstwohnungen.

Spielbudenplatz 31 (St. Pauli)

9 Stubbenhuk

Auf diesen fast schon putzigen Namen hören ein Gebäude und eine Straße im Windschatten des ehemaligen Gruner + Jahr-Verlags. Zwischen 1923 und 1925 ließ es die Getreideheber GmbH nach Plänen von Wilhelm Lemm bauen. Verarbeitet wurde hier roter und brauner Oldenburger Klinker in so kunstvoller Ornamentik, dass die Fassade auch gut als Strickmuster durchgehen könnte. Zusammen mit dem Glasgemälde über dem Eingang und den Rundbogenfenstern spiegelt dieses Kontorhaus die Essenz expressionistischer Klinkerarchitektur wider.

Stubbenhuk 10 (Neustadt)

10 Finanzbehörde Hamburg

Auch die Finanzbehörde ist ein typischer Schumacher-Bau aus bräunlichem Klinker, der sich in sechs reguläre Stockwerke sowie zwei zurückgestaffelte Obergeschosse gliedert. An der Ecke zwischen Gänsemarkt und Valentinskamp läuft eine gekonnt gemauerte Rundung in einem markanten Rundturm aus. Die Fassaden zieren farbenfrohe Keramiken mit symbolischen Motiven wie dem Hamburger Wappen, Koggen und Wikingerschiffen. Aktuell wird die denkmalgeschützte Finanzbehörde aufwändig saniert – 2028 soll sie in neuem Glanz wiedereröffnet werden.

Gänsemarkt 36 (Neustadt)

11 Oberhafen-Kantine

Die kleine Oberhafen-Kantine soll, so munkelt man, aus Ziegeln gebaut worden sein, die eigentlich für das Chilehaus (siehe Nr. 13) gedacht waren. Beide Gebäude entstanden um 1925. Dabei soll der Wirt vom Baumaterial des Chilehauses einfach ein paar Steine abgezweigt und für sein Häuschen neben der Eisenbahnbrücke verwendet haben – im Tausch gegen die eine oder andere Kanne Bier. Mythos oder nicht – tatsächlich bestehen beide Gebäude aus dem gleichen bläulich-braunen Bockhorner Klinker, der bis heute im südlichen Friesland hergestellt wird.

Stockmeyerstraße 39 (Oberhafen)

12 Sprinkenhof

Der Bau des Sprinkenhofs begann 1927 und wurde erst 1943 fertiggestellt. Die Fassade besteht aus einem netzartigen Rautenmuster aus unterschiedlich stark gebrannten Ziegeln von Braun über Rot bis Violett. Zwischen den Backsteinen: Keramikdetails von Ludwig Kunstmann, die maritime Motive wie Segelschiffe, aber auch Vögel und Werkzeug zeigen. Der Stahlbeton-Skelettbau umfasst drei Innenhöfe und galt lange als eines der größten Kontorhäuser Europas. Architekten: Hans u. Oskar Gerson, später: Fritz Höger.

Burchardstraße 8 (Kontorhausviertel)

 

13 Chilehaus

Natürlich darf der absolute Klassiker unter Hamburgs Backsteinbauten nicht fehlen: Das 1922-24 entstandene, einem Schiff nachempfundene Chilehaus (Architekt: Fritz Höger). Sein Auftraggeber, der Reeder Henry Sloman, hatte den Bau mit Geld aus seinem Salpetergeschäft in Chile bezahlt. Viele der verwendeten 4,8 Millionen Klinker waren dabei Ausschussware, die normalerweise nur für Schweine- und Pferdeställe verwendet wurde. Doch gerade diese leicht deformierten Brocken lassen die Fassade im Nachhinein besonders lebhaft erscheinen.

Fischertwiete 2A (Kontorhausviertel)

14 Mohlenhof

Der Mohlenhof ist ein Beispiel für den Übergang vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit. Der schlichte, aber ausdrucksvolle Bau aus sieben Stockwerken inklusive Staffelgeschossen kommt ohne Backsteinornamentik aus. Die Fassade aus glatten roten Klinkern fällt durch ihre elegante Klarheit auf. Am Haupteingang befindet sich eine Tuffstein-Skulptur des Merkur, der eine Kogge und die Göttin Hammonia (Schutzpatronin von Hamburg) hält – ergänzt durch Reliefs der fünf Kontinente. Baujahre: 1927-1929. Architekt: Fritz Höger

Burchardstraße 17 (Kontorhausviertel)

15 Montanhof

Dieses Meisterwerk wird gern die „Ziehharmonika aus Backstein“ genannt – aufgrund ihrer rhythmisch versetzten Fassade mit den zackenförmigen Erkern. Das Kontorhaus wurde 1924-26 von Dobbertin & Co. sowie der Reederei Komrowski in Auftrag gegeben und von den Architekten Hermann Distel und August Grubitz entworfen. Der Klinkerbau ist mit roten Türen versehen und mit Art-déco-Keramikdetails verziert. Im Erdgeschoss hängt eine originale Schiffsglocke der “Montan”, dem ersten Schiff der Reederei Komrowski.

Kattrepel 2 (Kontorhausviertel)

16 Burchard-Hof

Der Burchard-Hof in unmittelbarer Nähe zur Mönckebergstraße – ursprünglich nannte er sich „Haus Hubertus“ – wurde 1930/31 von Max Bach und Fritz Wischer als klassisches Beispiel des damals modernen Funktionalismus gestaltet. Er zählt im engeren Sinne nicht mehr zum Klinkerexpressionismus, sondern steht an dessen Endphase. Die Fassade verzichtet auf jede Zierformen, sondern nutzt Ziegel funktional. Das Gebäude markiert den Übergang zur Moderne im Sinne des Neuen Bauens und ist vergleichbar mit der Architektur des Bauhauses.

Steinstraße 27 (Kontorhausviertel)

Wissenswert: Fritz Schumacher und der Backsteinexpressionismus

Manche Hamburger:innen wohnen nicht an Straßen, sondern in Twieten. Mit einer Twiete ist zumeist eine kleine Gasse gemeint, in der heutzutage keine Autos fahren. Oft wird damit eine Verbindung oder ein Durchgang zwischen zwei Gebäuden, Grundstücken oder Straßen bezeichnet. Auch Wege zwischen Hecken oder Feldern in der offenen Feldflur werden Twieten genannt. Der Begriff kommt aus dem Norddeutschen, während “Twete” vor allem in Nordrhein-Westfalen und Teilen Niedersachsens verwendet wird.

 

Alle Alle Backstein-Schönheiten in Google Maps:

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