Keep going: Die schönsten Straßen für Hamburg-Flaneure und was man auf ihnen entdecken kann
Flaneure sind Menschen, die im Spazierengehen schauen, genießen und planlos umherschweifen – sie sind “Genießer der Straße”. Welche Straßen in Hamburg besonders zum Flanieren einladen und was man dort entdecken, beobachten und genießen kann, verrate ich in diesem Beitrag zur neuen Elbville-Abo-Postkarte “Keep going”… Mesdames et Messieurs, on y va!
Fotos und Text: Susanne Krieg / Frau Elbville
1. Die Große Elbstraße

Eine frische Brise, Kräne, viel Wasser, große Pötte und Fischspezialitäten en masse. Dafür steht die Große Elbstraße und ist darum der Inbegriff von Hamburg. Schließlich verlaufen ihre glorreichen 1,7 Kilometer dort, wo die Stadt am schönsten ist: Parallel zur Elbe nimmt sie am Fischmarkt ihren Anfang, passiert architektonische Highlights wie alte Speicher, die Docklands sowie einige der teuersten Penthäuser der Stadt, historische Kräne, urige Hafenkneipen und Händler und Restaurants für Meeresspezialitäten – bis sie dann in Neumühlen kurz vor dem Elbstrand endet. Früher einmal war die Große Elbstraße eine verruchte Gegend, in der Möwen über den Abfällen der Fischkutter kreisten und nachts die Prostituierten Spalier standen. Davon ist heute keine Spur mehr. Zum Glück kann man sich hier nun herrlich bedenkenlos treiben lassen – auch, wenn’s dunkel wird!
Highlights
Die Fischauktionshalle am Fischmarkt // das Möbeldesign-Zentrum Stilwerk in einer ehemaligen Mälzerei aus Backstein // das Hafenklang, eine der besten Konzertlocations der Stadt / die historischen Hafenkräne am Holzhafen // der Schellfischposten, die “älteste Seemannskneipe in Hamburg-Altona” ( regelmäßig Austragungsort für Inas Nacht) // das Frischeparadies, ein Edelsupermarkt für reiche Pfeffersäcke, in dem man von der Sardelle bis zum Hummer jede nur erdenkliche Spezialität bekommt…
Die Große Elbstraße auf Google Maps
2. Die Marktstraße

Die Marktstraße im Karolinenviertel unweit der Sternschanze im Bezirk Hamburg Mitte erreicht man bequem mit der U3 Richtung Feldstrasse. Angekommen findet ihr hier eine tolle Einkaufsstraße, in der es sich großartig alternativ bummeln lässt – ein Eldorado für kleine Marken von Mode über Kunst und Secondhand bis hin zu Möbeln und Vinyl. Während die Einkaufsstraßen der Innenstadt immer anonymer werden und durch immergleiche Ladenketten bestimmt sind, findet man hier noch lokales Design und interessanten Trödel aus allen Epochen. Hier geht es außerdem auch weniger trubelig und hektisch zu als im City Center. Bringt auf jeden Fall etwas Zeit mit – z.B. für einen Kaffee im TEIKEI. Dort kennt man seine Kaffeebauern mit Namen und die Bohnen werden zu 100 % nachhaltig nach Hamburg geschippert.
Highlights
Die Rindermarkthalle am Anfang der Marktstraße mit dem Konzertveranstalter Knust und tollen Läden wie der Hanseplatte (Hamburgensien, Bücher & Musik aus der Hansestadt) // Elternhaus, beste Statement-Mode, die ich kenne (Lieblingsaufdruck: “Bis einer heult!”// Herr von Eden, Herrenausstatter mit dem verrückten Etwas //Vunderland für faire und tierleidfreie Mode //
Die Marktstraße auf Google Maps
3. Der Neue Wall

Das Kontrastprogramm zur Markstraße im Karoviertel: Der Neue Wall in der Innenstadt. Allerdings gehe ich hier weniger bummeln, denn die Preise dieser Luxus-Shoppingmeile mit Dependancen von Gucci, Channel, Hermes & Co. übersteigen mein Budget einfach. Vielmehr wandele ich durch diesen Straßenzug wegen der großartigen Konterhaus-Architektur, die es lohnt, sich auch von innen anzuschauen. Während der Woche stehen viele Türen offen. Also, nur Mut und herein spaziert! Es gibt Treppenhäuser und Empfangshallen vom Feinsten!
Highlights
Fast jeder kennt die Alsterarkaden und ihren rundbogigen Gang mit Blick auf das Rathaus. Doch weniger sind schon mal durch die Mellin-Passage gegangen, die die Alsterarkaden wie ein Geheimgang mit dem Neuen Wall verbindet. Jugendstildekor, Engelsköpfe und Fresken der Jahrhundertwende – die Passage könnte glatt als die Hamburgische Variante der Winkelgasse durchgehen, in der Harry Potter seinen Zauberstab kauft. Die wohl schönste Ladenfront am Neuen Wall gehört dem Hildebrand-Haus. 1907/8 erbaut, war sein Besitzer ein Berliner Schokoladen-Fabrikant. Heute ist links der Juwelier „Brahmfeld & Gutruf“ eingezogen. 1913 legte der Kaufmann Eduard Gutruf den Grundstein für das gigantisch große „Gutruf-Haus“, das sich vom Neuen Wall 14 bis zum Jungfernstieg erstreckt, an der Stelle, an der sein Großvater einst einen Juwelierladen erbaut hatte. Am Jungfernstieg endet es heute quasi im Apple Store …
Der Neue Wall auf Google Maps
4. Die Paul-Roosen-Straße

Die Paul-Roosen-Straße ist der perfekte Ort für laue Sommernächte. Auf der Suche nach netten Locations, in denen man etwas trinken oder essen kann? Perfekt! Bei dieser Straße handelt sich um eine kleine, versteckte Parallelwelt zur nur zwei Blocks entfernten Reeperbahn. Anders als die berühmte Schwester ist die Paul-Roosen-Straße jedoch maximal schnuckelig und entspannt. Bunte, alte Häuser, kleine Restaurants, nette Kneipen, dazwischen Kioske, Wettbüros. Und legendär ist die Paul-Roosen-Straße noch dazu: In der Hausnummer 33 (da, wo das Bambi an die Tür gemalt ist) haben 1960 schon die Beatles gehaust, als sie ihre ersten Konzerte im um die Ecke gelegenen Indra gaben…
Highlights
Affenfaust – spannende Urban Art Galerie in einem umgebauten Aldi// St. Pauli Archiv – setzt sich seit 1987 mit Geschichte und Gegenwart des Viertels auseinander und zeigt anhand von Rundgängen Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen die Vielfältigkeit St. Paulis // Der Krug – eine Weinstube mit uriger Atmosphäre und moderner Hausmannskost // Der Kunstkiosk vermietet Ladenfläche an Künstler*innen, von denen man handgefertigte Schätze kaufen kann wie z.B. Bilder, Mützen, Gürtel, Schlüsselboards, Buttons, Schmuck, Klamotten, Streetart, Holzschnitte etc …
Die Paul-Roosen-Straße auf Google Maps
5. Die Gerhardstraße

Die meisten kennen St. Pauli nur von nächtlichen Besuchen. Was schade ist, denn ich habe festgestellt, dass dieser Stadtteil auch am helllichten Tag seine Reize hat. Hin und wieder flaniere ich hier frühmorgens auf der Suche nach Fotomotiven durch die Gegend – und wenn man sich einmal an den reudigen Charme der Gegend gewöhnt hat, muss man immer wieder kommen. Mir war vorher gar nicht klar, wie farbenfroh dieser Stadtteil auch am Tag ist – ohne leuchtende Neonröhren und Stroboskoplichter. Besonders gern spaziere ich durch die Gerhardstraße – eine eher kleine Gasse zwischen Hans-Albers-Platz und Erichstraße, von der in der Mitte die berühmt-berüchtigte Herbertstraße abgeht. Die Herbertstraße, einer abgeriegelten Bordellstraße, bekommt man morgens auch als Frau häufiger mal von innen zu sehen, denn die Müllabfuhr lässt die Absperrungen an den Enden nach getaner Arbeit gern offen stehen. Links und rechts in der Gerhardstraße befinden sich lauter skurille, kleine Kneipen, von denen einige sogar rund um die Uhr geöffnet haben. Wer sich also mal zum Frühschoppen aufmachen möchte, ist hier recht gut aufgehoben… 😉
Highlights
Hans-Albers-Eck – der obere Tresen ist aus dem Bug eines Schleppers gemacht // Reitclub – die Spelunke, deren Wirt den Haustür-Schlüssel verloren hat, weshalb sie nun rund um die Uhr geöffnet haben muss… // Night Light – Hamburgs härteste Metal-Kneipe // Der Blaue Engel – die einzige Bar mit Blick auf die Herbertstraße
Die Gerhardstraße auf Google Maps
6. Neumühlen

Dort, wo die oben bereits erwähnte Große Elbstraße eine Rechtskurve macht, beginnt die Straße “Neumühlen”, ein Abschnitt der Elbuferpromenade, der gern als architektonische “Haute Couture” bezeichnet wird. Während man am Athabaska-Kai gegenüber Containerriesen beim Be-und Entladen beobachten kann, läuft man auf der anderen Seite des Stroms auf einer Art Catwalk an futuristischen Gebäuden vorbei, bis man zu dem Anleger mit Hamburgs Schleppern gelangt. Rechts die roten der holländischen Reederei Kotug, links die Schiffe der Hamburger Arbeitsgemeinschaft ARGE mit schwarzen Rümpfen. Auf den langgezogenen Sitzstufen dieser Straße lässt es sich noch dazu wunderbar pausieren und den Blick genießen. Ein Stück weiter unten gelangt Ihr dann an den Museumshafen von Övelgönne, wo ein Verein seit vier Jahrzehnten alte Eisbrecher, Dampfer und Barkassen restauriert. Von hier könnt Ihr die HVV-Fähre zurück an die Landungsbrücken nehmen oder mit dem Bus zum Bahnhof Altona fahren.
Highlights
Hafenbahnhof – ein kleines Häuschen in großartiger Lage, das Café, Kneipe und Konzerthaus in sich vereint // Columbia Twins – zwei identische Gebäude, deren kupferfarbene Fassade in der Sonne magisch leuchtet // Der Athabaska-Kai, ein beeindruckendes Containerterminal, benannt nach einem englischen Dampfer, auf dem eine große Anzahl von für den zoologischen Garten bestimmte Affen ertrinken, als das Schiff 1891 in der Elbe kollidiert // Ponton mit Schleppern // Augustinum – Hamburgs wohl nobelste Seniorenresidenz mit einem Café in der gläsernen Kuppel // Museumshafen Övelgönne e.V.
Die Neumühlen-Straße auf Google Maps
Die neue Postkarte könnt Ihr euch wie immer hier herunter laden:
Bis bald! Anfang März kommt die nächste Karte!

























