Hamburger Seemannsgarn: Von Kedelkloppern, der Mutter der Matrosen und kunstvollen Kapitänsbärten
“Und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!” – so lautet ein Seglergruß, mit dem man jemandem Glück wünscht. Die neue Elbville-Postkarte, auf der Ihr diesen Spruch findet, ist also genau das Richtige für den ersten Tag im neuen Jahr 2022. Ich nehme sie zum Anlass, Euch hier ein bisschen Seemannsgarn aus Hamburg zusammen zu tragen. Und ich verspreche Euch, dass es garantiert nicht zusammen gesponnen ist, sondern auf Tatsachen beruht!
Die geheime Sprache der Kedelklopper

Bis ins 20. Jahrhundert gab es im Hamburger Hafen Berufe, die heute nicht mehr existieren. Eine Arbeit, die nur geringe Achtung genoß und von sogenannten “Schietgängern” verrichtet wurde, war das Reinigen der Schiffe während der Liegezeiten. Eine spezielle Gruppe unter den “Schietgängern”, die “Kedelklopper”, kletterten mit Karbidfunzeln in die stinkenden Kessel der Dampfschiffe, um sie mit schweren Hämmern vom Ruß zu befreien. Oftmals waren die dunklen, engen Kessel noch gar nicht richtig abgekühlt – eine gefährliche Arbeit, bei der es Jedes Jahr zu Explosionen kam. Die Kedelklopper blieben unter sich und entwickelten dabei eine eigene Sprache, die ihnen das Gefühl gab, besondere “Lords” zu sein. Kedelklopperisch sprach man in Nachbarschaft und Familie. Und das funktionierte so: Die anlautenden Konsonanten einer Silbe wurden an deren Ende gesetzt und ein “i” angehängt:
“Este udi eimhi eehnsi?” (Kedelkloppersprok)
“Hest du Hein sehen?” (Platt)
“Hast Du Hein gesehen?” (Hochdeutsch)
Bis in die 50er Jahre wurde Kedelklopperisch als Geheimsprache gesprochen – bis sie mit dem Ende der Dampfschifffahrt unterging. Auf St. Pauli gab es übrigens eine weitere Geheimsprache: Sie wurde von Zuhältern, Prostituierten, Türstehern und Barbesitzern gesprochen. Mehr dazu findet Ihr in diesem Blogbeitrag!
Schanghaien: Hüte Dich, Matrose!

Das “Schanghaien” soll angeblich in Shanghai erfunden worden sein und war im St. Pauli des 18. und 19. Jahrhunderts eine berühmt-berüchtigte Methode, auf “Matrosenfang” zu gehen. Oft hatten die Kapitäne nicht genügend Matrosen. Deshalb vereinbarten sie mit Kneipen und Bordellen, dass junge Männer gegen Vergütung “duun” (betrunken) gemacht und dann auf ihre Schiffe verfrachtet wurden. Auf diese Weise gelangte so mancher Reeperbahn-Besucher heimlich an Bord, ohne es mitzubekommen. Mit Alkohol abgefüllt, wurde er am nächsten Morgen auf hoher See wieder wach, um die Besatzung eines Handels- oder Kriegsschiffes zu komplettieren. Neben Hamburg waren auch Portland, New York und London berühmt-berüchtigt dafür, Matrosen “zu pressen”. Gute Kapitäne achteten jedoch darauf, dass jeder Mann freiwillig an Bord kam. Außerdem sprach es sich schnell herum, wenn ein Schiff seine Mannschaft nicht vervollständigen konnte. Rückte der Auslauftermin näher, betranken sich vorsichtige Seemänner zu solchen Zeiten lieber nicht in den Hafengegenden erwähnter Städte…
Hermine, die Mutter der Matrosen

Sie stand 40 Jahre lang hinter dem Tresen der Kneipe “Kuhwerder Fähre” in der Hafenstraße 108. Genauer gesagt, thronte sie dort „mit chinesischem Lächeln“ – wie eine Mischung aus Königin und Walfisch, erzählen Zeitgenossen. Hermine, ein echtes Hamburger Original, war beleibt und etwas asthmatisch. Jeden, der reinkam, begrüßte sie mit einem herrischen: “Wo geit?” sowie mit Namen, sie soll ein phänomenales Gedächtnis gehabt haben. Wer ging, hörte: “Hess’u ok betohlt?” In ihrer Kneipe standen ein großer Bollerofen und ein elektrisches Klavier. An den Wänden: Sammlerstücke von Seeleuten, darunter ein Walpenis. Hermines Ehemann war Steuermann und saß mit der Zeitung in einer Ecke. In der Kneipe seiner Frau trafen sich Hafenarbeiter, Seeleute, Studenten, Künstler und Promis. Ihre Besucher nannten Tante Hermine die “Mutter der Seeleute” – heute erinnert eine Gedenktafel in der Hafenstraße 108 an die Kiez-Legende. 1971 starb Hermine, es war auch das Ende der “Kuhwerder Fähre”. Dass auch nur ein einziger Matrose vor ihrem Tresen “schanghait” worden wäre, hätte Tante Hermine sicher niemals zugelassen… 😉 Ihr wollt mehr über sie wissen? Hier findet Ihr einen Artikel aus der DER ZEIT von 1968! Eine ähnlich starke Frau betrieb einst die Oberhafen-Kantine, zu der Ihr mehr in diesem Mitglieder-Beitrag findet!
Das Album der Kapitänsbärte

Darf ich vorstellen? Zu sehen sind hier Kapitän Schwinghammer (oben) und Kapitän C. v. Hoff (unten). Ganz schön beeindruckend, diese Bärte, oder? Entstanden sind die beiden Doppelfotos im Auftrag von Albert Ballin, ab 1899 Generaldirektor der HAPAG (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft). Damit Ballin seine Kapitäne persönlich ansprechen konnte und nicht durch den “Tüdel” kam, ließ er sie fotografieren: einmal mit, einmal ohne Kapitänsmütze. Wahrscheinlich alle durchweg mit Bärten. Insgesamt sammelte Ballin auf diese Weise 150 Kapitänsporträts, die heute noch erhalten sind. Wo, weiß ich leider nicht genau. Ich vermute, dass sie sich im Archiv des Museums für Hamburgische Geschichte befinden. Ich würde das darin enthaltene Panoptikum maritimer Bartmode jedenfalls liebend gern mal im Ganzen sehen. In diesem Blogbeitrag erfahrt Ihr übrigens noch mehr über die legendären Luxusschiffe, die Albert Ballin bauen ließ, um mit ihnen die Kreuzfahrt zu erfinden.
Ich hoffe ich, dass Ihr gut ins neue Jahr gerutscht seid! Bleibt gesund und munter. Und wie gesagt: Allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel! Die neue Postkarte könnt Ihr euch wie immer hier herunter laden:
Bis bald! Anfang Februar kommt die nächste Karte!


