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Holy Hamburg: Skurrile hanseatische Weihnachtssitten

Zündet die Kerzen an, holt Euch ein warmes Getränk und macht es Euch gemütlich: Mit der Dezember-Elbville-Postkarte wird’s weihnachtlich-kurios. Denn in Hamburg gibt es ein paar interessante Weihnachtstraditionen, von denen ich Euch unbedingt erzählen möchte. Einige davon sind nicht nur skurril, sondern noch dazu wirklich herzerwärmend…

Tannenbaumwerfen im Hafen

Selbst an Weihnachten liegen Schiffe aus aller Welt im Hamburger Hafen vor Anker. Statt im Kreis ihrer Familien verbringen die Seeleute auf diesen Schiffen die Feiertage mit der Crew. Damit das Heimweh nicht allzu schwer wird, hat sich Hamburg eine besondere Tradition ausgedacht: Der Weihnachtsmann höchstpersönlich schippert durch den Hafen und verteilt Weihnachtsbäume an die Kutter, Container- und Arbeitsschiffe. Hierfür wirft er die Tannen im ho-ho-hohen Bogen von seinem Schiff aus an Bord. Ich finde diese Aktion großartig! Hier könnt Ihr zuschauen:

Die Kinderbischöfe von Hamburg

Sie sind die ältesten Kinderbeauftragten der Welt und nehmen Politik und Erwachsene kritisch unter die Lupe. Alle zwei Jahre (zuletzt 2019) übernehmen sie Anfang Dezember in der St.-Nikolai-Kirche am Klosterstern (Eppendorf) ihr Amt: Drei Hamburger Kinderbischöfe. Sie kommen aus den 5. Klassen der Wichern-Schule und erhalten in einem Gottesdienst die Insignien der Bischöfe: Stab, Mitra, Ring, Mantel und ein Kreuz. Am Vorabend zu Nikolaus halten sie eine Predigt zum Thema Kinderrechte, die sie zuvor mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern erarbeitet haben – eine Tradition, die nach der Reformationszeit entstand. Gewählt werden konnten nur die besten Schüler und diese hatten damals großen politischen Einfluss.

Dem Senat wurde es zu bunt – erst 1994 wird der Brauch wiederbelebt…

So durften die Kinderbischöfe den Hamburger Senatoren ordentlich die Leviten lesen und zogen mit einer ziemlich wilden Meute aus Engeln, Mägden und Hirten durch die Stadt – bis es den Senatoren zu bunt wurde und sie die Tradition verboten. Erst 1994 belebte Hamburg den Brauch wieder. Heute endet die Amtszeit der kleinen Bischöfe am Dreikönigstag  (6. Januar). Ich bin mir sicher, dass Corona ein großes Thema in der diesjährigen Predigt werden wird – falls sie überhaupt im Gottesdienst statt finden darf… Denn Kinder gehören schließlich zu den größten Leidtragenden der Pandemie, haben wenig Schutz und leider auch kaum eine Lobby…

Recycelte Geschenke – bei wohlhabenden Hamburgern üblich!

Echte Hamburgerinnen und Hamburger verzichten auf riesige Berge aus Geschenken unterm Weihnachtsbaum. Auch das hat Tradition – selbst in den Hamburger Haushalten, die sich als wohlhabend bezeichnen. Vielleicht ein Ausdruck hanseatischen Understatements? Laut der Erinnerungen des Hamburger Apothekers und Malers Berend Goos, der in dem oben gezeigten wirklich schönen Buch die Weihnachtsfeste seiner Hamburger Kindheit in den 1850er-Jahren beschreibt, sei es üblich gewesen, Geschenke für ihn und seine Geschwister alle paar Jahre zu “recyceln”. So schreibt er:

„Ich erhielt in meinem dritten oder vierten Lebensjahr ein sehr hübsches hölzernes Pferd, einen Schimmel auf Rollen. Im nächsten Jahr vor der Weihnachtszeit verschwand plötzlich der Schimmel, und am Weihnachtsabend erschien dafür ein schöner Goldfuchs, dessen Gestalt der des früheren Schimmels zum Verwechseln ähnlich war. (…) eine sehr weise Ökonomie sorgte dafür, dass bei den Eltern das Besorgen der Geschenke keine Last, bei den Kindern das Empfangen keine Übersättigung hervorbrachte.“

Ich bin übrigens großer Fan des Buches von Berend Goos, da es seine Leser:innen perfekt auf Zeitreise ins alte Hamburgs schickt. Vielleicht ist es ja ein schönes Weihnachtsgeschenk?

Berend Goos: Ein Leben in Hamburg, herausgegeben von Kleßmann, Eckart, ISBN-10: 3885060345

Der Schappendom – die wilde Mutter aller Hamburger Weihnachtsmärkte

Ursprünglich kannte man in Hamburg nur einen einzigen Weihnachtsmarkt: den “Schappendom” im 1804 abgerissenen Dom am Speersort. Zwischen den Pfeilern der Kreuzgänge im Innern des Gotteshauses tobte vor Heiligabend der weihnachtliche Kommerz. Zuckerbäcker, Galanteriewarenhändler und Buchbinder stellten ihre Waren aus, Puppenverkäufer priesen “Domppoppen” an. Auf den Grabplattensteinen alter Mönche und Ritter hockten Verkäufer heißer Würstchen, Schankwirte brauten Grog und  Punsch… Nicht selten soll es auf dem Grabmal des Grafen von Schauenburg in der Mitte des Doms zu blutigen Schlägereien Betrunkener gekommen sein. Zeit, für die Taschendiebe, im Tumult auf “Dom-Ernte” zu gehen…

Jahrmarkt der Kuriositäten

Den Bischof von Hamburg störte das nicht – er war gleichzeitig Bischof von Bremen, wo er residierte und ohnehin nichts vom Treiben im Dom am Speersort mitbekam. Außerdem zahlten ihm die Dom-Händler Standgebühren. Nach dem Abbruch des baufälligen Gotteshauses wanderte der weihnachtliche Trubel schließlich an den Gänsemarkt, wo er sich zunehmend zu einem Jahrmarkt der Kuriositäten entwickelte mit Ablegern in der ganzen Stadt. Dach dem “Schappendom” ist auch der heutige DOM auf dem Heiligengeistfeld benannt, der dort seit 1893 residiert und der nach dem 2. Weltkrieg nicht mehr nur im Winter, sondern auch im Frühjahr und Sommer stattfindet.

Neben aus Rosinen und getrockneten Pflaumen hergestellten Puppen mit Papierkragen (die an Hamburger Würdenträger erinnern sollten) gab es hier “mechanische, physische und magnetische Vorstellungen” sowie “gymnastische Leistungen” einer gewissen Mademoiselle, optische Panoramen, Flohtheater, Kannibalen, Albinodamen, Domino spielende Hunde und allerlei “Kuddelmuddel” wie “twolv blinkernde Wihnachtslichter förn Schilling”, Dattelmatsch oder Zauberflöten (“Wat kost dat?”). Bei der Bezeichnung “Dom” für Hamburgs damals einzigen Weihnachtsmarkt blieb es auch, als er 1892 auf das Heiligengeistfeld umzog und nach dem 2. Weltkrieg .

Braune Kuchen

Sie schmecken besonders gut bei Hamburger Schmuddelwetter, am besten zu Hause, wo es warm und gemütlich ist: braune Kuchen. Dünne, viereckige Kekse mit Lebkuchengeschmack, die manchen Menschen vielleicht etwas trocken und schlicht vorkommen. 1782 hat sie der Bäcker Johann Georg Kemm zum ersten Mal in seinen Hamburger Ofen geschoben.

In ganz Norddeutschland kennt man sie seither. Und es gibt einem immer ein bisschen Sicherheit, wenn man sie vor Weihnachten wieder  überall in der Stadt kaufen kann – die “original” Kemm’sche Variante gern auch in einer blauen Vintage-Dose mit dem Bild der alten Keksfabrik in Lokstedt.  Dieses Jahr hab ich mir vorgenommen, den “hanseatisch-schlichten” Kultkeks selbst zu backen. Und zwar nach dem Rezept eines norddeutschen Schriftstellers:

Braune Kuchen nach Theodor Storm

Zutaten

500 g Zucker
500 g Sirup
500 g Butter
1250 g Mehl
20 g Pottasche
1 EL gemahlener Zimt
1 EL gemahlener Kardamom
125 g Sukkade
250 g gemahlene Mandeln
Schale von 1 Zitrone

Zubereitung

Die Butter zerlassen, den Sirup dazugeben, Pottasche sehr fein zerstoßen und zugeben, dann alles mit Zucker, Gewürz, Zitrone, Mandeln und Mehl verkneten, den Teig zugedeckt mindestens über Nacht rasten lassen, dann so dünn wie möglich ausrollen, beliebig ausstechen und braun backen. Mit abgezogenen, halbierten Mandeln dekorieren.

Also dann: Mohltied und eine wunderschöne Adventszeit – trotz allem! Und: Bleibt gesund!

Die aktuelle Postkarte könnt Ihr Euch wie immer hier herunterladen:

So, das war’s für heute! Ich hoffe, es hat Euch gefallen. Anfang Januar kommt die nächste Karte!

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