Kneipengeschichten: Von Haifischen, scharfen Mexikanern und geheimen Fenstern
Kneipen gibt es in Hamburg wie Sand am Meer – und es wimmelt in ihnen vor skurrilen Geschichten. Ob an der Hafenkante, auf St. Pauli oder in der Sternschanze, mein Herz schlägt für die urigen, schrägen Läden mit ehrlicher Getränkekarte und interessanter Historie. Ihnen sei dieser Beitrag zur 24. Elbville-Postkarte gewidmet, in dem ich Euch 7 Kneipen mit Charme vorstelle.
Fotos und Text: Susanne Krieg / Frau Elbville
1. Die Haifischbar

Und der Haifisch, der hat Zähne… In der Großen Elbstraße steht eine alte Seemannskneipe, die Haifischbar, gegenüber blickt man auf zwei historische Kräne, nebenan befindet sich die Seemannsmission. Hin und wieder hole ich mir in der Haisfischbar ein Fischbrötchen. Es ist meist ein Vorwand, um das charmant-verstaubte Panoptikum im Innern der Kneipe zu studieren. Früher saßen hier vor allem Seeleute und Fischer am Tresen, dazwischen ein paar Bordschwalben. Wer pleite war, zahlte mit Naturalien, die nun die Kneipe dekorieren: Da hängen Rettungsringe, Reusen, Schiffsmodelle, Schiffsglocken, Sombreros, Boien, Harpunen, ein Krokodil, natürlich auch ein namensgebender echter Hai und sogar eine ausgestopfte Robbe … Auch ein angeblich ziemlich kostbares Ölgemälde von einem Hochseetrawler. Letzteres soll eines Nachts plötzlich ebenfalls an der Wand gehangen haben. Bis heute ist es ein Geheimnis geblieben, wer mit diesem Kunstwerk seine Zeche beglichen hat. Unbedingt trinken (und lieber bar bezahlen): Haifisch hell oder dunkel (je 3,90 Eur0), Haisfischblut (3 Euro) oder einen Hermann (“unser Geheimrezept aus Korn, Anis, Rosmarin – der Rest geht euch nix an”) für 3 Euro.
– Haifischbar, Große Elbstraße 128 / Website / Google Maps
2. Hong-Kong Bar

Bis 1944 gehörte das St. Pauli um die Schmuckstraße zum “Chinesenviertel” – so wie man es ähnlich aus New York oder London kennt. Ein Überbleibsel aus dieser Zeit ist das „Hong-Kong“ auf dem Hamburger Berg. Chong Tin Lam, der 1926 aus China nach Deutschland eingewandert war, übernahm die Kneipe Anfang der 1930er von seinem Großonkel. 1944 wurde er von den Nazis mit weiteren 128 Chinesen und Chinesinnen in Hamburg verhaftet und misshandelt. In einer Vorahnung hatte er kurz zuvor seine kleine Tochter Marietta, die er Tschi Fong (Schneeflocke) nannte, in einen Zug nach Heidelberg gesetzt. Dort wuchs Schneeflocke bei der Schwester seiner Geliebten auf. Als Chong Tin Lam nach dem Krieg, nach Gefängnis- und KZ-Aufenthalten frei kam, erhielt er das „Hong-Kong“ zurück, das er dann zum Hotel ausbaute. Eine Entschädigung für die Gräueltaten gab es nicht. 1983 starb er, Schneeflocke aka Marietta übernahm die Kneipe. „Ich bereue es nicht − obwohl ich eigentlich Modezeichnerin werden wollte,“ soll die Tochter gesagt haben. Marietta mixte die besten Mexikaner der Stadt (ich kann’s bezeugen!). Letztes Jahr ist die Wirtin nach schwerer Krankheit leider verstorben. In dem sehr schönen Kiez-Dokumentarfilm „Manche hatten Krokodile“ hat der Regisseur Christian Hornung Marietta und viele weitere St. Pauli-Urgesteine verewigt.
Im Trailer seht Ihr sie kurz in der 48. Sekunde:
PS: Die zur Bar gehörigen Hotelzimmer werden derzeit renoviert.
– Hong-Kong, Hamburger Berg 14 / Google Maps
3. Saal II

Obwohl sich der Saal II im Herzen des Szene- Gentrifizierungsviertels Sternschanze befindet, ist er immer noch angenehm “low key” mit seinen hohen gekachelten Wänden. Man munkelt, er sei mal eine Metzgerei gewesen, und wenn mich nicht alles täuscht, ist er damals – wie der Golden Pudel Club – von Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun eröffnet worden. Seit über 25 Jahren hält dieser Laden nun die Fahnen hoch – ich habe hier schon während meiner Studienzeit abends Bier getrunken und morgens hervorragende Rührei-Kombinationen gegessen. Ab 17 Uhr darf im hinteren Raum immer noch geraucht werden, was mangels Zwischentür jedoch dazu führt, dass der ganze Laden eigentlich rund um die Uhr nach Kippendunst riecht – der einzige Laden, dem ich das als Nichtraucherin durchgehen lasse … “In Hamburg gibt es ja auch Teilzeit-Einbahnstraßen”, schreibt ein Saal II-Rezensent im Internet, da wundere einen eh nicht mehr viel…
– Saal II, Schulterblatt 83 / Website / Google Maps
4. Mary’s Treff bei Günter Jauch

Er bog in die Erichstraße ab und hielt mit quietschenden Reifen vor Mary‘s Treff bei Günter Jauch. Endstation. Endlich wieder Astra kübeln… Er würde Geld in die Musikbox werfen und “Junge, komm bald wieder” hören, so lange, bis sich einer beschwert. Warum nicht gleich zwei bis drei Tage bleiben und wie früher auf dem Sofa schlafen?
Okay, das ist nun meiner Phantasie entsprungen… Sicher fragt Ihr Euch auch, woher diese Kiezkneipe in der Nähe des Hans-Alber-Platzes ihren skurrilen Namen hat? Der frühere Besitzer des Ladens hieß tatsächlich Günter Jauch – ohne “H”, wohlgemerkt. Bis 2001 nannte sich seine Kneipe auch nur “Mary’s Treff” – nach Günters Frau, dann entschloss sich der Wirt plötzlich, auch seinen “prominenten” Beinamen über die Tür zu schreiben. Statt “Wer wird Millionär?” hört man am Tresen jedoch: “Wer will noch ‘n Bier?”
– Mary’s Treff bei Günter Jauch, Gerhardstraße 1 / Website / Google Maps
5. Das Safari Bierdorf

Das Safari in der Großen Freiheit auf St. Pauli: Von 1964 bis 2013 gab’s hier Live-Sex auf der Bühne – “mit künstlerischem Anspruch” zu Show-Titeln wie “Biene Maja”, “Schneewittchen und die sieben Zwerge” oder “Der Glöckner von Notre-Dame”. Damals bekamen Kiez-Läden wie das “Safari” spezielle Cabaret-Lizenzen, die “Live-GV” auf der Bühne erlaubten, wenn dieser in eine Handlung eingebettet war. Doch im Zeitalter des Internets wurde es immer schwerer, mit einem solchen Bühnenprogramm Geld zu verdienen. Und so musste das Erotik-Theater schließen. Nun befindet sich darin eine Schlager-Bar namens “Bierdorf” mit Ballermann-Atmosphäre. Der alte Elefant leuchtet immer noch. Tröööt.
- Safari Bierdorf, Große Freiheit 24-28 / Website / Google Maps
6. Der Blaue Engel

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen, aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe.
Dieser Satz stammt von Marlene Dietrich und man findet ihn in der Getränke-Karte einer Kneipe, die den Namen ihres wohl berühmtesten Filmes trägt. Der blaue Engel (von St. Pauli) befindet sich in der Gerhardstraße direkt neben dem Eingang zur legendären Herbertstraße, einer für weibliche Kiez-Besucher abgeriegelten Bordellstraße. Doch zum Glück gibt es im Blauen Engel ein geheimes Fenster, von dem aus man auch als Frau einen verstohlenen Blick in die sündige Gasse werfen kann.
– Der blaue Engel von St. Pauli, Gerhardstraße 16 / Website / Google Maps
7. Nordlicht

Lest Ihr auch manchmal zum Spaß Google-Bewertungen? Hier einige zur Kiezkneipe “Nordlicht”: “Eine sehr nette Kneipe, aber nicht für jeden Geschmack.” — “Chilliger Barkeeper, aber nicht für jeden, der nicht mit scharfem Humor klar kommt. Stammkundin war bissl nervig, da wir keine 30 waren. ‘Wird das zur Kinderbar?’ (…) Würde wieder kommen, um es zu ‘ner Kinderbar für 25-Jährige zu machen.” — “Gott sei Dank gibt’s noch sonne Kneipen, urig und muckelig und St. Pauli original und gute Mucke inne Box! Und endlich mal keine Puffpreise! Und die Wirtin is auch ne Wucht.” — “Schmutzig und altbacken….. aber wir hatten einen lustigen Abend mit 7 Leuten. Haben gedartet.” — “War um 8.00 Uhr da. Zu früh.”
Gesamt-Bewertung: 4,4 von 5 Sternen.
– Nordlicht, Balduinstraße 28 / Google Maps

