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Geheimnisse der Speicherstadt: Von Kuriositätenkammern, Pechhauben und Filmleichen im Fleet

Hamburgs Speicherstadt hütet so manche Geheimnisse: Die 13. Elbville-Postkarte deckt sie für Euch auf – und verrät Euch Insider-Tipp abseits üblicher Reiseführer-Empfehlungen … Seid Ihr bereit für das unheimliche Hobby eines reichen Kaufmanns, schaurig-schöne Filmlocations, eine Sightseeingtour im Retro-Stil, ein Nobelhotel mit Kaffeebohnenbörse und eine versteckte Markthalle mit fantastischem Blick auf Brücken und Kanäle? Wie immer könnt Ihr Euch am Ende des Beitrags auch die neue Postkarte herunterladen!

FOTOS & TEXT Frau Elbville alias Susanne Krieg


1. Die Kuriositätenkammer des Kaufmanns

Geheimnisse der Speicherstadt: der Alte Wandrahm

Der Alte Wandrahm verläuft durch den östlichen Teil der Speicherstadt (Google Maps). Ursprünglich arbeiteten in dieser Straße die „Wandbereiter“ (Tuchhersteller): Hier hängten sie Stoffe nach dem Walken und Färben zum Trocknen auf Wandrahmen (Holzgestelle) – allerdings in einer Zeit, in der es die Speicherstadt noch nicht gab. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts befand sich hier auch das Wohn- und Kontorhaus des damals schwerreichen Kaufmanns Cesar Godeffroy. Unter der Hausnummer 26 betrieb der Handelsherr auch ein merkwürdiges, privates Naturkunde-Museum.

Am liebsten wäre Cesar Godeffroy schon in jungen Jahren selbst Naturforscher geworden. Doch als Sproß einer Kaufmannsdynastie, der noch dazu unter einer Augenkrankheit litt, blieb dieser Wunsch ein Traum. Darum suchte er sich eine Armada eigener Naturforscher. Diese bezahlte er dafür, in entlegenen Ecken der Welt Artefakte, Kuriositäten, exotische Fotografien und Werkzeuge für ihn zu sammeln, damit er sie in einem eigenen Museum horten konnte. Auch eine Frau arbeitete für ihn: die Sächsin Amalie Dietrich.

1852 reiste die Amateurforscherin für Godeffroy nach Australien. Dort sammelte sie 10 Jahre lang “Naturalien” für Godeffroys Kuriositätenkammer. In den Kisten, die sie nach Hamburg schickte, befanden sich leider nicht nur Pflanzen und Tiere. Sie soll den Kaufmann auch mit menschlichen Schädeln, Skeletten und der Haut eines Aborigines beliefert haben.

Das Aus für den “König der Südsee”

Ende des 19. Jahrhunderts ging “der König der Südsee”, wie Godeffroy genannt wurde, pleite. Sein Museum musste er verkaufen. Zahlreiche Ausstellungsstücke befinden sich heute im GRASSI Museum für Völkerkunde in Leipzig. Wer sich speziell für Amalie Dietrich interessiert, findet hier einen Artikel aus dem Hamburger Abendblatt. Im Hirschpark an der Elbchaussee kann man heute noch dem ehemaligen Landhaus der Godeffroys einen Besuch abstatten: Google Maps. Zu Cesar Godeffroy gibt es außerdem ein interessantes Buch von Gabriele Hoffmann: “Das Haus an der Elbchaussee” (Amazon / Thalia). Darin beschreibt sie auch das unheimliche Museum des Kaufmanns. 

 

2. Das Polizeikommissariat, das eigentlich keines ist

Sie ist echter Kult: die “Hafenpolizeiwache No. 2” auf der Kehrwiederspitze am Eingang zur Speicherstadt. Wer „Notruf Hafenkante“ kennt, weiß, dass das Gebäude eine wichtige Rolle in der Serie spielt … In Wirklichkeit ist das „PK 21“ jedoch keine klassische Polizeiwache. Es ist vielmehr der Sitz des WSPF 22, eines Wasserschutzpolizeireviers. Das WSPF 22 ist speziell für die Hafensicherheit und gefährliche Güter zuständig, die Hamburg auf dem Seeweg erreichen. Unten am Ponton liegen zudem Boote der Hafen-Feuerwehr, auch ein historisches Wasserlöschboot. Für “Notruf Hafenkante” werden übrigens nur außen am Gebäude Aufnahmen gemacht. Für Szenen, die im Innern des “PK 21” spielen, zieht die Filmcrew in eine umgebaute Lagerhalle. Sie befindet sich im Gewerbegebiet Lademannbogen im benachbarten Hamburg-Hummelsbüttel. Hier geht’s zur Mediathek mit den neusten Folgen “Notruf Hafenkante”!

3. Eine Börse nur für Kaffeebohnen

Geheimnisse der Speicherstadt: die Kaffeebörse von Hamburg

Was befindet sich in dem 50er Jahre-Klotz rechts neben der Brücke über den Fleet? Hamburgs eigene Börse für … Kaffee! Ja, ihr habt richtig gelesen, eine Halle, in der nicht mit Aktien, sondern mit Kaffeebohnen gehandelt wird. Oder besser: wurde. Kaffee spielte in Hamburg ja schon immer eine große Rolle. Bereits 1677, d.h. acht Jahre früher als Wien, eröffnete Hamburg sein erstes Kaffeehaus. Die große Zeit der Kaffeekaufleute brach aber erst im Kaiserreich an. 1887 richteten sie sich eine eigene Kaffeebörse ein.

Handel mit “Papierkaffee”

Die Herren mit den Zylindern handelten dabei nicht mit physisch präsenten Kaffeesäcken. Sie spekulierten, machten Termingeschäfte, legten Preise fest, schlossen Verträge. Erst später erfolgte die Lieferung. Es ging hier also streng genommen um „Papierkaffee“. Die Kaffeebörse, wie ihr sie oben seht, gibt es jedoch erst seit den 1950er Jahren. Zuvor hatte sie sich am Sandtorkai befunden. Heute wird hier nicht mehr gehandelt, sondern gespeist und gefeiert. Im ehemaligen Auktionssaal befindet sich nun ein Tagungsraum des Ameron-Hotels – mit original Mosaik-Parkett, bunten Fensterbildern, Kronleuchtern und Decken-Täfelung im 50er Jahre Stil:

Foto: Ameron Hotels

Wer im feinen Ameron nächtigen und den Saal auch mal von innen sehen möchte, folge diesem Link zum Hotel. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀

4. Die versteckte Markthalle

Geheimnisse der Speicherstadt: Die versteckte Markthalle mit Blick auf den Fleet

Auf meinen Photo Walks durch Speicherstadt und Kontorhausviertel halte ich mit den Gruppen oft am Sandtorkai 23 vor einem versteckten Eingang unter der Kibbelstegbrücke. Er führt in eine vielen unbekannte Markthalle, in der es Food-Stände und Schnellimbisse gibt. Wegen Corona ist das Angebot momentan leider reduziert – zum Essen sollte man lieber nach Draußen gehen. Doch von den Fenstern der Halle hat man einen fantastischen Blick auf den Fleet. Vor Corona habe ich hier gern gesessen, wenn ich mir im “Flamm’s Hus” einen Flammkuchen bestellt habe. Leider gibt es diesen Stand zur Zeit nicht. Hoffen wir, dass er bald zurück kommt.

Und noch ein Tipp: das Restaurant VLET

Über der Markthalle findet Ihr zudem eines meiner Lieblingsrestaurants: das “VLET” – “modern interpretierte Hamburger Küche” in stilvoller Lagerhaus-Atmosphäre. Es ist zwar etwas höherpreisig, aber der Mittagstisch ist erschwinglich und grandios lecker!

5. Pechhauben

Geheimnisse der Speicherstadt: Ein Hof am Pickhuben

Unweit des Ameron-Hotels kann man zwischen “Brook” und “Pickhuben” durch Torbögen in einen verborgenen Innenhof schlüpfen, an dessen Ende Ihr diesen romantischen Balkon findet – ein toller Fotospot. Was aber verbirgt sich eigentlich hinter dem Namen „Pickhuben“? Entweder, so lauten die Theorien, stammt der Name von den Pechvorräten, die ansässige Schiffbauer dort einst lagerten, um Boote zu kalfaterten. Oder es handelte sich um eine Richtstätte, an der die Verurteilten kahlgeschoren und mit Pech bestrichen wurden, also “Pechhauben” aufgesetzt bekamen. Letzteres könnte hier auch einem gewissen Piraten namens Störtebecker widerfahren sein…

6. Vintage-Tour im VW-Bus

Geheimtipps für die Speicherstadt: Eine Fahrt mit dem Bulli der Waterkant Touren

Vor einiger Zeit durfte ich eine besondere Stadtrundfahrt mitmachen: In einem schicken Bus von “WaterKant Touren”. Die Guides dieses Anbieters fahren Hamburg-Kenner und Stadt-Neulinge in liebevoll restaurierten Bullis (inklusive Kühlschrank und Blumenkästen am Fahrerbrett) durch die Stadt – meist abseits des touristischen Mainstreams. Man kann die Bullis mit Fahrer auch für eine Gruppe oder eigene kleine Events wie z.B. Geburtstage mieten. Natürlich wird auf vielen der angebotenen Touren auch in der Speicherstadt gestoppt! Hier erfahrt Ihr mehr: www.waterkant-touren.com

Foto: WATERkant Touren

7. Die toten Augen von London

Geheimnisse der Speicherstadt: Blick auf das Fleetschlößchen

Last but not least: Eine spannende Geschichte verbirgt sich auch hinter dem Fleetschlößchen, das Ihr auf der neuen September-Postkarte seht. Ursprünglich diente das Ende ds 19. Jahrhunderts gebaute Gebäude dem Zoll zum Kontrollieren der Waren, die in Schuten von den Großseglern in die Speicherstadt gebracht und unten an der Treppe kontrolliert wurden. Was aber hat das Fleetschlösschen (heute eine Dependance von Daniel Wischer) mit dem Edgar-Wallace-Film “Die toten Augen von London” zu tun?

Wie die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt, befand sich auch hier ein Drehort: für eine Szene, in der eine Leiche im Kanal trieb. Eigentlich sollte dieser Tote durch die Themse schwimmen. Aber es handelte sich um eine deutsche Filmproduktion von 1961 und London war weit weg… Als letzte “Tat” in diesem Beitrag verlinke ich Euch die englische Version des Films auf YouTube (eine deutsche gibt es nicht umsonst). Das Video startet genau dort, wo der englische Bobby die Leiche aus dem Wasser der Speicherstadt zieht. Wer sich den restlichen Film anschaut, wird dabei noch mehr Speicherstadt entdecken!

Die neue Postkarte könnt Ihr Euch wie immer hier herunterladen (nur für Fördermitglieder!):

So, das war’s für heute! Ich hoffe, die Postkarte hat Euch gefallen. Anfang Oktober kommt die nächste!

 

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