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Meine persönliche Hitliste skurriler Entdeckungen in Hamburg, die nur echte Insider kennen!

Verrauchte Sparclubs auf dem Kiez, ein 50er Jahre Motel in Eimsbüttel, eine geheimnisvolle Säuglingsmilchküche, ein begehbares Fertighaus aus dem Quelle-Katalog oder eine Mini-Kirche, die zwischen zwei Wohnhäusern klemmt – ich liebe diese kuriosen Entdeckungen, die mir in und um die Hansestadt Hamburg immer wieder begegnen. Und ich bin sicher: Nur die hartgesottenen Insider unter Euch kennen die Orte, die ich Euch hier, begleitend zur 25. Elbville-Abo-Postkarte, vorstellen möchte!

Fotos und Text: Susanne Krieg / Frau Elbville

Kneipen mit Sparclubs

Kennt Ihr Sparclubs? Sie hängen in Form von grauen Kästen mit kleinen Schlitzen und Nummern, umnebelt von Rauchschwaden, an den Tresen alter Kiez-Kneipen. Ihr Prinzip ist simpel: Man mietet ein Fach gegen eine geringe Gebühr und verpflichtet sich, während des Biertrinkens in der Stammkneipe regelmäßig einen kleinen Betrag einzuzahlen. Der Kneipenbesitzer oder die Kneipenbesitzerin öffnet die Fächer einmal die Woche, nimmt das Geld raus, notiert die Einlagen und bringt diese zur Bank. Am Ende des Jahres bekommt man sein angespartes Geld ausgezahlt. Meist wird ein Teil des Geldes in eine kleine Feier investiert.

In den 1960er Jahren gab es rund 20.000 Sparclubs in Deutschland, davon allein in Hamburg rund 2800. Hier sollen um 1870 auch die ersten von ihnen entstanden sein: durch Seemänner und Hafenarbeiter, die ihr Geld an einem festgelegten Tag zum Kassierer brachten, um für den Notfall etwas auf der hohen Kante zu haben. Inzwischen ist diese Art zu sparen selten geworden. Doch immer noch gibt es in Hamburg vereinzelt Sparclubs – die meisten sollen ihr Konto bei der Haspa-Filiale an der Reeperbahn haben.

Kiezkneipen, in denen man heute noch Sparclubs mit kuriosen Sparfächern findet (Angaben ohne Gewähr!): Holstenschwemme, Herrenweide 2a // St. Pauli Eck, Simon-von-Utrecht-Straße 87 // Otzentreff, Otzenstraße 4

Motel Hamburg

In einem Hinterhof an der Hoheluftchaussee versteckt sich ein besonderes, denkmalgeschütztes Kleinod der 1950er Jahre: das „Motel Hamburg“. Es wurde 1958 eröffnet. Das Vorbild stammt aus den USA, wo es bereits 1924 ein erstes „Motel“ gab, in dem Autofahrer in unmittelbarer Nähe zum Fahrzeug übernachten konnten. Das „Motel Hamburg“ ist noch heute in Betrieb und über eine unauffällige Zufahrt zu erreichen.

Wer hier abbiegt, taucht ein in eine 50er Jahre-Zeitkapsel: gepflegte Begrünung, pastellfarbene Architekturdetails, rot-weiße Garagentore im Erdgeschoss, darüber die Gästezimmer mit Balkonen, stilsichere Schriftzüge. In einer Ecke der Empfang. Alle Fassaden sind noch original erhalten und teilweise mit Mosaikfliesen verkleidet. Ich find‘s super, dass es so etwas noch gibt – und ich bin verblüfft, dass ich diesen Ort erst vor Kurzem entdeckt habe. Oder hat von Euch „Auswärtigen“ hier auf Instagram vielleicht sogar schon mal dort übernachtet?

Motel Hamburg, Hoheluftchaussee 117-119 / Website

Das Tattoo-Studio Dänemark

Am “Tattoostudio Dänemark” in der Kastanienallee auf St. Pauli weisen Tätowier-Vorlagen auf eine echte Hamburger Legende hin… Christian Warlich (1890-1964), eine Galionsfigur der Tätowierkunst, arbeitete als erster Tätowierer Deutschlands ab 1919 unter einer festen Adresse: in der Kielerstr. 4 (heute Tom Peerstall / Clemens-Schulz-Str). Dort betrieb er eine Kneipe, in der man bei einem Glas Grog in seinem Musterbuch blättern konnte und sich anschließend hinter einem Vorhang eines seiner Designs stechen lassen konnte.

Warlichs oft maritim angehauchten Oldschool-Entwürfe gelten bis heute als Ikonen. Immer noch lassen sich Fans heute seine Designs stechen, die Seeleute einst in die ganze Welt hinaus trugen. Warlich galt als Gentleman-Tätowierer, weil er stets gut gekleidet mit Anzug und Fliege tätowierte. Außerdem arbeitete er sehr exakt – und als erster in Deutschland mit einer elektrischen Tätowiermaschine. Sogar die dänischen Prinzen Axel und Vigo legten sich in seiner Kneipe auf St. Pauli unter die Nadel.

Als Warlich 1964 starb, erwarb das Museum für Hamburgische Geschichte ein Konvolut an Warlich-Vorlagen. Der Kunsthistoriker Ole Wittmann initiierte schließlich das Forschungsprojekt „Nachlass Warlich“, zu dem es eine Ausstellung im Hamburgmuseum gab. Unter dem Instagram-Account @nachlass.warlich findet Ihr mehr Infos. Die Betreiber des Studios in der Kastanienallee – sie kommen aus Dänemark – scheinen jedenfalls auch Warlich-Fans zu sein!

Tattoo Studio Dänemark, Kastanienallee 36 / Website⠀⠀⠀⠀

Kulturkiosk Blohmstraße

Hamburgs ältester Kiosk steht in der Blohmstraße, Ecke Kanalplatz im Harburger Binnenhafen. 1876 eröffnete er als klassische Verkaufsbude für Zeitung, Stullen, Zigaretten und Schnaps. Legendär war viele Jahre lang die Pferdewurst, die aus der Kiosk-Klappe heraus verkauft wurde. Heute wird hier Kulturgut gereicht. Und das kam so: Eigentlich sollte es das kleine Gebäude gar nicht mehr geben, als dem letzten Pächter 2015 gekündigt wurde. Beherzte Bürgerinnen und Bürger setzten soch jedoch gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Harburg dafür ein, dass das Büdchen nicht abgerissen wurde und sich neu erfinden konnte. Nun nennt es sich also „Kulturkiosk Blohmstraße“. Auf seinen wenigen Quadratmetern finden heute regelmäßig Mini-Konzerte und Ausstellungen statt. Außerdem hängt ein Zigarettenautomat außen an der Wand, an dem man statt Kippen Kunstwerke in Zigarettenschachtelgröße ziehen kann – inklusive eines Beipackzettels, auf dem Informationen zu den jeweiligen Künstlerinnen und Künstlern stehen. Inzwischen ist die alte Trinkhalle sogar Trägerin des Denkmalpreises des Museumsvereins Harbug geworden, „da der Erhalt solcher kleiner Objekte im Nebeneinander von moderner Architektur und historischer Bebauung besonders wichtig“ sind. So zumindest lautete die durchaus plausible Begründung.

Kulturkiosk, Blohmstraße 28 / Website

Die Säuglingsmilchküche

Eines der hübschesten Hospitäler Hamburgs ist das Altonaer Kinder- krankenhaus. Eröffnet wurde es 1859, zu diesem Zeitpunkt befand es sich allerdings noch in der Großen Wilhelminenstraße (heute Chemnitzstraße, Altona-Altstadt). Dort wurde mit sechs Betten erstmals ein kleines Kinderhospital eingerichtet. Erst 1914 konnte es in den großzügigen Neubau in der heutigen Bleickenallee ziehen. Nachdem der Bankier Richard Henry Donner dem Krankenhaus eine Hypothek im Wert von 350.000 Mark geschenkt hatte, konnte auch ein Säuglingsheim eingerichtet werden, in dem verwaiste oder ausgesetzte Babys gepflegt wurden. Zudem gab es eine Milchküche, in der für Neugeborene armer Familien nahrhafte und saubere Milchmischungen zubereitet wurden, falls diese nicht gestillt werden konnten. Ist der Schriftzug, weißlackiert und geschmiedet, der immer noch auf die Säuglingsmilchküche von damals hinweist, nicht herzerweichend? Inzwischen ist das Altonaer Kinderkrankenhaus eine Zweigstelle der Uni- versitätsklinik in Eppendorf (UKE) – in dieser gibt es seit 2017 übrigens einen Nachfolger der historischen Milchküche: Eine „Muttermilchbank“, in der Frauen Muttermilch spenden, um Frühgeborene und Hochrisikobabys zu versorgen, deren Mütter nicht ausreichend stillen können.

Altonaer Kinderkrankenhaus, Bleickenallee 38 / Website

Das Fertighaus aus dem Quelle-Katalog

Ende der 1960er Jahre stand es für ein völlig neues Wohngefühl: Ein Familien-Fertighaus, das man im Quelle-Katalog bestellen konnte. Ein Exemplar wurde in Winsen (Niedersachsen) abgetragen und vor den Toren Hamburgs, im Freilichtmuseum am Kiekeberg, wieder aufgebaut, wo man es nun besichtigen kann – mitsamt der Original-Einrichtung der Familie Gröll, die es einst mit zwei Söhnen bewohnte.

Vom Fleischwolf in der Küche, der Kunststofflampe an der Decke bis zur Cola-Kiste mit Plattenspieler im Kinderzimmer – gleich einem Voyeur schleicht man durch die Räume, in denen der Geist der Familie Gröll weiter zu leben scheint… Das Fertighaus aus dem Katalog steht in einem Bereich des Museums, in dem weitere Gebäude, dazu alte Straßenlaternen, eine Litfaßsäule und Telefonzelle die rasanten Entwicklungen beim Bauen und Wohnen, in Freizeit und Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich machen sollen. Insbesondere Fertighäuser erlebten damals eine Boom-Phase. Als erstes Versandhandelsunternehmen nahm Quelle von 1962 an Häuser in ihren Katalog auf – und versprach mit ihm „Hausbau in fünf Tagen ab Kellerkante”.

Freilichtmuseum am Kiekeberg, Am Kiekeberg 1, 21224 Rosengarten / Website

Die Mini-Kirche an der Finkenau

Oh, mein Gott! Das mag denken, wer auf diese kleine Kirche trifft, die ganz unerwartet zwischen zwei Wohnhäusern an der Finkenau in Uhlenhorst klemmt. Sicher gehört dieser Sakralbau zu den ungewöhnlichsten Kirchen der Hansestadt. Von manchen Balkonen der Nachbarshäuser könnte man das Gebäude mit ausgestreckten Armen problemlos berühren. Gebaut wurde die winzige Kirche 1899 im neugotischen Stil – aus Platzgründen musste sie auf einen Turm verzichten. Das Gotteshaus wird von Hamburgs katholisch-apostolischer Gemeinde genutzt, einer Bewegung, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert in England hatte und die sogenannte „Apostel“ ernannte, Persönlichkeiten, die die Gemeinde auf das zweite Kommen Christi vorbereiten sollten. Nachfolger dieser Apostel scheint es heute nicht mehr zu geben. Und so wartet man zwischen diesen Wohnhäusern nun ohne „Botschafter“ auf die Wiederkehr Christi. In Deutschland bekennen sich rund 370 000 Menschen zum neuapostolischen Glauben, auf der ganzen Welt sind es elf Millionen. Zum sonntäglichen Fürbitten-Gottesdienst erscheinen die Männer im Anzug, die Frauen in Rock und mit Kopfbedeckung. Eine Anwohnerin (Balkon oben rechts) verriet mir, sie höre die Orgel im Schlafzimmer.

Katholisch-apostolische Kirche, Finkenau 3, 22081 Hamburg

Oevelgönne & seine Puff-Hunde

Wer mich schon mal auf meinen Photo Walk “Hafenkante” begleitet hat, wird diese Porzellan-Hunde kennen, denn sie gehören zu den Motiven, die wir u.a. auf dser Tour fotografieren. Sie sind es auch, die auf der aktuellen Abo-Postkarte zu sehen sind. Natürlich erzähle ich auch hier noch einmal die pikante Geschichte hinter den kleinen Kläffern, die man in Oevelgönne und im Blankeneser Treppenviertel auf einigen Fensterbänken stehen sieht: Landläufig hießen die Figuren früher „Kaminhunde“, weil sie vor allem Kaminsimse zierten. Auf Ebay findet man sie meist unter der Bezeichnung „Puffhunde“. Und das kam so…

Im London des 19. Jahrhunderts sollen Prostituierte die Hunde in ihre Fenster gestellt haben. Schauten die Hündchen dabei nach draußen, gab’s gerade keinen Besuch, standen die Hunde nach innen gewandt, war ein Freier im Haus. Manchmal verkauften sie die Figuren auch, um ihr eigentliches Gewerbe zu verschleiern.  Matrosen sollen die Hunde schließlich nach Hamburg gebracht haben, wo sie dann in den Häusern von Oevelgönne und Blankenese landeten. Es heißt, die Ehefrauen der Seefahrer und Lotsen hätten die geheimen Signale des Londoner Rotlichtmillieus übernommen und mit den Hunden Botschaften an Liebhaber vermittelt. War der Ehemann zu Hause, drehten die Hunde dem Fluß den Rücken zu. Guckten die Hunde auf die Elbe, gab’s sturmfreie Bude. Mythos oder nicht? Wir werden es nie erfahren…


So, das war’s für diesen Monat! Die neue Postkarte könnt Ihr euch wie immer hier herunter laden:

Bis bald, und genießt den September! Anfang Oktober kommt die nächste Karte!

 

 

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